Hans Helmut Mährle

Schreibwerkstatt

Literatur

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Bei der "Schwäbischen Post" bin ich für das Rieser Kaleidoskop zuständig.

Natürlich würde ich mich über einen Eintrag in meinem Gästebuch freuen!

Schreie oder:

Hans Helmut Mährle

 

Ich schalte ein.

Ein Druck auf dieses winzige Knöpfchen genügt.

20 Uhr, Tagesschau.

Oh nein, da sind sie schon wieder,

mit glasigen Augen,

in Lumpen gehüllt,

ich kann sie nicht mehr sehen,

mein Magen krampft sich zusammen,

mein Finger drückt das Knöpfchen,

ein zweites Mal nieder.

Aus!

 

Seit über drei Jahren erscheinen jeden Abend

Menschen, wie du und ich,

mit glasigen Augen, in Lumpen gehüllt,

aus unzähligen Wunden blutend,

ohne Arme, mit abgerissenen Beinen,

Tote, Blutlachen auf der Straße,

Kinder, Frauen, Alte,

die durch die Straßen hetzen,

nicht wissend, ob nicht das Visier

eines Scharfschützen

auf sie gerichtet ist.

 

Ich auf meinem Sofa,

kann es nicht mehr ertragen,

es übersteigt meine Fähigkeit,

Leid sehend zu ertragen.

Ich möchte schreien:

Warum?

Macht ein Ende,

schlagt sie in Gottes Namen tot,

die Totschläger

Aber macht ein Ende mit den glasigen Augen.

 

Aber ich schreie nicht!

Ich mache es

wie all die anderen Menschen auf dieser Welt,

die mit einem Gewissen vorbelastet sind.

Ich schaue weg.

Ich schalte aus.

Hat es überhaupt einen   Zweck

wenn ich schreie?

Hört mich denn einer?

Sicherlich nicht.

 

Ich weiß, das ist eine Lüge.

Es muss nur einer beginnen zu schreien,

einer von denen mit dem Gewissen.

Vielleicht schreien die anderen dann mit,

dann wird man uns hören,

dann kann man uns nicht mehr überhören.

Das kann es doch nicht geben,

Menschen werden geschlachtet,

Menschen wie du und ich.

Und was tut die übrige Welt?

Die Welt die schaut zu.

Und wer ist diese Welt?

Die Welt,   das bist du!

 

Ein paar Minuten später,

wenn ich annehme, dass sie wieder

weg sind vom Bildschirm,

die Kinder, die Frauen, die Alten,

die Toten, die Blutverschmierten,

mit den eingefallenen Wangen,

den glasigen Augen in Lumpen gehüllt,

drücke ich wieder Knöpfchen

 

Es erscheinen Männer,

ganz andere.

Männer in dezent gestreiftem dunkelblau.

Sie treffen sich,

weit weg von den Menschen mit den glasigen Augen,

im marmortriefenden Hotelfoyer,

in Genf, in Brüssel oder in New York

und freuen sich drei Jahre lang

über die Fortschritte bei ihren Friedensverhandlungen!

 

Es bleibt mir nichts anderes übrig,

ich muss wieder abschalten,

sonst muss ich mich übergeben.

Offen bleibt jedoch die Frage:

Die einzige tatsächlich ernsthafte Frage:

Wie lange schaut die Welt diesem Theater noch zu?

Denn wer ist die Welt?

Die Welt das bist du!

 

 
   
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